Frühlings’ Erinnerungen

Wo ich gewesen bin, kann wieder etwas sein
wo ich bin, hinter des Winters Sonnenschein
ich weckte Sehnsucht in kaltstarren Herzen
nach Blühen, Vergehen, Leben und Schmerzen
und wenn die Schwalben am Himmel ziehen
werde ich mit den Stürmen entfliehen
Früchte werden die Blüten verdrängen
am grünen Zweig werden Kirschen hängen
nur noch die Bienen erzählen von mir
doch jede Wolke erzählt mir von dir

Die Einsame

Wie ein Haus mit blinden Fenstern
stehe ich und warte hier
dem Verfall anheim gegeben
bleibt verschlossen meine Tür

Und obwohl ich es nicht möchte
gehe ich immer weiter weg
die Einsamkeit wie einen Mantel
bleibe ich lieber im Versteck

Sich bewegen scheint mir sinnlos
möchte leben doch wofür
verfallen für die Blicke andrer
hoffe ich ich gefalle dir

Herbstvorboten

Der Maisfelder stille Armee
umstellt Wege und Klee
vereinzelt schweben Blätter
bei flimmerndem Sommerwetter
ich richte meine Gedanken
auf die Brombeerranken
ahne kühle Luft
im samtenen Rosenduft
auf dem Stoppelfeld zu tanzen
aber nicht wie die Pomeranzen
wie Hexen und Zauberinnen
wie Ratten und Spinnen
immer von Neuem beginnen
als sei ich von Sinnen
den nächsten Windstoß genommen
auf dem Besen ins Blaue entkommen

Besuch bei der Mutter

Teilchen die das Licht reflektieren
in der Abendsonne golden changieren
des Gartentors Flügel offen steht
ihr Spaziergänger ein Häuschen seht
und in dem kleinen Gemüsegarten
sie am Zaun stehen wird und warten
das Tor ist hoch und aus Eisenstreben
dahinter Vögel und Pflanzen leben
nur unzählige Hügel und Schränke
Bäume und Steine und Bänke
ich kenne den Weg zu der Stätte
als wenn ich sie ausgesucht hätte
stelle Dinge hinzu und nehme sie weg
liege auch bald im kühlen Dreck
auf dem Friedhof fühle ich mich nicht allein
das Gefühl dort zuhause zu sein

Weichgezeichnet

Wie ein Kind zeichne ich
Lippen und Mädchenaugen
zeichne ein Frauengesicht
wie ich sein möchte
entwerfe mich
ich werde etwas zerbrochen
etwas unbrauchbar zwar
doch es gibt mich
ich bin da

Unter Wasser

Du bist Schönheit
bin dennoch dein Spiegel
wenn der Tag anbricht
die Lippen versiegel
jemand der das Siegel bricht
mich lieben kann im hellen Licht
der am Sonntag zu mir eilt
zwischen den Hochhäusern weilt
der mich im Wasser trägt
wenn Bäume rauschen Regen schlägt
den gibt es nicht

Im Wasser bin ich ganz leicht
im tiefen Wasser nicht seicht
im dunklen Wasser tauche ich unter
schwimme immer weiter hinunter
weiß das ich nicht auftauchen kann
sitze lange im Dunkeln dann
habe mich wenig zerstreut
den Weg hinab bereut
soviel dumpfer und blasser
die Laute des Lebens unter Wasser

Abend

Ich muss jetzt gehen
wie ein Geist über die Felder fliegen
die Beine lassen mich nicht stehen
düstere Höfe an der Straße liegen

Geranien und Rosen leuchten
Laternen blinken in der Dunkelheit
Gefühle wie die Motten entfleuchten
Dämmerung senkt sich in Dankbarkeit

In dir ist die Jugend fermentiert
mein blasses Mondgesicht
aus den Augen Verzweiflung stiert
doch ich verachte dich nicht

Landung

In meine Augen
die bunten Planeten
schraubten sich deine Raketen
füllten die Bahnen mit Leben
ließen Erden erbeben
ich betrachte den Abdruck
im weichen Seelensand
zu deutende Zeichen
aus einem vertrauten Land

Hinweg

Unstete Falter weisen den Weg
ich verfolge sie mit den Augen
werde zum Weggehen taugen
Hoffnungen in die Nesseln leg

Draußen ist meine Ruhestatt
kenne alle Wege und Bänke
niemand an den ich denke
Weite allein macht mich satt

Vögel bewohnen die Bäume
sie singen mir Trauerlieder
froh werde ich nicht wieder
haste durch düstere Träume

Elisa

Ich fühle das wir verzaubert sind
auch ich die Nesselhemden webt
schuldlos ein stummes Dasein lebt
und auf dem Friedhof Nesseln findt

Meine Brüder die Schwäne sind fort
flogen auch mich zu den Wolken
als mir der Mutter Fluch gegolten
suchten wir Schutz an anderem Ort

Meine Unschuld muss ich beweisen
den Fluch über die Brüder brechen
vom Feuertod soll ich nicht sprechen
die Schwäne hoch oben noch kreisen

Die Nesselhemden werfe ich über sie
meine Brüder die Prinzen kehren zurück
der jüngste Bruder erzählt von dem Glück
des Königs Versprechen breche ich nie

Auf der Eisenbahnbrücke

Libellen schimmern im Schatten
dunkler Farn raschelt im Wind
am Fluss bin ich wieder Kind
wo wir Boote gebaut hatten

Zweige wölben grün eine Laube
Mücken flirren in stehender Luft
ich fühle mich wie in kühler Gruft
der Einsamkeit nützt kein Glaube

Auf den Planken der alten Brücke
saßen wir und du küsstest mich
gingst du fort und verlor ich dich
empfinde ich Leere und Lücke

Jahreswechsel

Das neue Jahr wirft Schatten
ich fühle mich so matt
wie eine weiße Leinwand
die nichts zu zeigen hat
erdenke mir Wünsche
und was ich ändern will
doch wenn ich in mich horche
bleibt alles totenstill
das neue Jahr zerbricht mir
wie ein Zapfen Eis
hell ist mein Gesicht
der Atem viel zu heiß

Mutter-Tochter

Bitte verlasse mich nicht
lösche nie mein Licht
lies mir eine Geschichte
von Deinem Tag berichte
allein bin ich wie hinter Gittern
mildere mein ängstliches Zittern
gib mir Geld ich brauche es sehr
habe nichts zu Essen mehr
einst waren wir verbunden
Du nur kennst die Wunden
gebunden an Davor und Danach
Verlassensein die größte Schmach
lerne auch heute noch das Gehen
auf eigenen Füßen zu stehen
es kehrte sich um, verwechselte sich
Mutter und Tochter, Du und ich

Mond

Über den Bäumen das helle Licht
wenn ich es sehe verlauf' ich mich nicht
wie eine Münze die sich nie dreht
zeigt er sich nur in Dunkelheit spät
umgeben von kaltem Nebelkranz
taucht er alles in seinen Glanz
die Zweige der Bäume weichen zurück
dass sein Anblick mich beglück'
die Sterne der Straße leuchten so fahl
noch niemand einen Himmelsstern stahl

Grauer Mantel

Der fließende Regen
klingt wie fremde Küsse
als wenn das Leben
bloß vorüberziehen müsse

Am zugigen Bahnhof
der Mantel ganz grau
bereit zum Aufbruch
in die Ferne ich schau

Der Wind in meinem Zopf
Gleis und Richtung einerlei
zerrissene Fahne am Kopf
sie macht mich so frei

Wenn auch nicht der Regen
so gehört mir der Wind
er ist mir ein Segen
das himmlische Kind

Aus breite ich die Arme
er mir in den Mantel fährt
hält mich als seine Dame
die er ins Nichts entführt

Herbst

Hagebutten leuchten purpurrot
der Herbst ist angekommen
hat die Felder sich genommen
fegt die Blätter noch im Tod

In seinem Bündel trägt er Kälte
breitet die kühle Decke aus
schickt zum Schlafen jede Maus
für grünes Blatt die Farben wählte

Vogelhäuser sind sein Handwerk
das Futter brachte er sich mit
trocknet Blumen mit Geschick
färbt braun den bewaldeten Berg

Der Mond steht hoch am Himmel
lässt singen jedes Vöglein
taucht den Herbst in Silberschein
die Vogelscheuche und den Schimmel

Neuer Tag

Im Morgengrauen schimmert Nebel
steigen Schwärme grauer Vögel
hebt Sonnenlicht den schweren Vorhang
geht stumm das Schicksal seinen Gang

Gläsern der Raureif auf dem Gras
in Eisblumen sich die Zeit vergaß
an weißen Häusern der Graben klafft
blass vor Kälte liegt die Landschaft

Pflastersteine meiner Schritte müde
Vergangenes zerfließt zur Lüge
die Straßen der Kindheit frisch geteert
meine Erinnerung ist nun geschwärzt

Schwermut

Wirbelt in meine Träume
die Schraube weiße Schäume
umkränzt blaugrüne Wellen
lässt tiefes Dunkel quellen
bin ich schwankend und trunken
mit dem Blick ins Meer versunken
die Gedanken ohne Reling
kein Signal mir klar erkling
ohne fröhliches Tuten
sinke ich in warme Fluten

Auf dem Deich

Des Herzens altes Uhrwerk
tickt wild und aus dem Takt
gibt keinen der ihm anmerkt
welche Stunde es geschlagen hat

Die Welt der flüchtigen Gedanken
einer rußigen Ruine gleich
gerät verbrannt ins Wanken
bei ihrem Untergang so bleich

Das Meer ist ausgewandert
geht wie ich spazieren
ein salziges Rinnsal meandert
wird meine Wange zieren

Oktobertage

Nebel schleicht um die Bäume
bis in nächtliche Träume
windet sich durch das Fenster
zeigt im Spiegel Gespenster

Blätter zerrieben auf Platten
Männer nur dunkle Schatten
Stuck und Eisentore filigran
durch die Straßen im Fieberwahn

Meiner Haare Sonnenglanz
bunter Blätter Herbstestanz
meiner Augen hungriger Blick
niemals wirf den Blick zurück

Rote Beeren als Vorbild nehmen
im kurzen Herbst erst aufzuleben

Mondbetrachtung

Mond auf dunklem Grund
in Dir spiegele ich mich
helle Kugel in glänzendem Rund
leuchtenden Sommermond sehe ich
König der Nacht Du bist so schön
zittere vor Kälte am Fensterbrett
Dich mit Kranz aus Sternen krön
bin wie die tragische Juliet
warte das Romeo sich zeige
doch der Morgen zieht schon herauf
kühl und verblichen ich bleibe
wie Du Mond nimmst Deinen Lauf

Die Nachtwandlerin

Jenseits des Bewussten
dem ungeträumten Traum
nach großzügigen Verlusten
verdient ich den Ring kaum

Mein schlichtes Herz ich gab
doch Du den ganzen Reichtum
und an der Mutter Grab
sie sprach für mich posthum

Was freudig Du mir gabst
nun ist es mir genommen
den Ring vom Finger nahmst
die andere soll ihn bekommen

Verirrt ich mich in Freundes Raum
so war es nur mein Körper
meine Seele träumt den einen Traum
dass Du bist mein Erhörter

Auf dem Dach möchte ich wandeln
leise sprechend von dem Leid
Reinheit wollte ich nie verschandeln
vollziehen nun unsere Hochzeit

Die Puppe

Im Schaufenster wurde ich alt
da hast du mich gesehen
meine Lippen rot gemalt
konntest kaum du widerstehen
auf spiegelnder Fläche vom Teich
da hast du mich vermisst
sahst mein Gesicht so bleich
das lieber du vergisst
Züge fuhren Nacht für Nacht
die Autos zog es in die Stadt
nie verlöschten die Lichter
da kamst du immer dichter
nahmst mich einfach mit
folgte dir mit leichtem Schritt
wir tanzten in deinem Zimmer
als sei es Nacht für immer
spät um die Häuser wir zogen
saßen auf dem Brückenbogen
da war Mitternacht vorbei
es war dir einerlei
doch das Leben aus mir wich
mein Puppendasein verblich

Im verwunschenen Haus

Vergangenheits Geister tanzen mit mir
verwunschenes Haus immer neue gebiert
vermehren sich wie kriechend Getier
unter Qualen den Verstand verlier

Nachts sitze ich im dunklen Winkel
schmiede Pläne in meinem Dünkel
doch rufen die Geister mich zurück
Arznei und selbst Zauber kein Lichtblick

Ich öffne die Tür mit der schweren Klinke
müde mit einem Spitzentuch winke
hinaus zum eisernen Tor ich hinke
zu schwach für die Flucht in die Tiefe sinke

Ver(sch)wunden

Nur Gischt will ich sein
auf schillernden Wellen
zu den Muscheln am Stein
und den Seevögeln schnellen
zwischen runden Scherben
mit Fischen sterben
vom Wasser genommen
im Grün verschwommen
salzig und klar
der Ewigkeit nah
wie eine Meerjungfrau
in die Ferne schau
und jeden Tag blasser
nur Schaum auf dem Wasser

Frühlingsfantasie

Bäume schäumen von Blüten auf
im Sonnenlicht mich blind verlauf'
unter dunklem Blätterdache
bei den Duftveilchen ich wache
des Vogels fröhlicher Ruf
mir die Welt heut' neu erschuf

Übernächtigt

Wie ist der Mond mir doch so fremd
kalt wie der Erde weiße Lichter
ich friere in meinem Sterntalerhemd
kenne nicht der Menschen Gesichter

Brachte alles fort Dir als Gabe
Sterne glänzen kalt wie die Astern
das Gewicht meiner Haut kaum ertrage
befreit bin ich von irdischen Lastern

Flieht das Weltall in samtige Schwärze
weil es das Licht warmer Augen erreicht
womöglich ein fühlendes Herze
menschliche Einsamkeit hat erweicht

Sehnsucht

Den hellen Flieder im Garten
ich kann ihn kaum erwarten
sein süßer schwerer Duft
getragen von milder Luft
ich schicke meine Gedanken
wie blasse Rosen zu ranken
die Sonne mit spitzen Strahlen
soll Blumen auf die Erde malen
schon grünen erste Blätter
die Kälte sie nicht zerschmetter'
Vögel bauen in Hecken ihr Nest
Hummeln eröffnen das Frühlingsfest

Herbstzeitlose

Herb mochte ich nicht werden und bitter
doch die Jahre sperrten mich hinter Gitter
weichherzig mochte ich sein und empfindsam
und nicht in der Zeiten Uhrwerk Gewahrsam
die Zahnräder musste ich halten
und das Zifferblatt spalten
dass nicht gemahlen ich wurde zu Staub
doch Herbst und Winter meines Lebens
machten nicht viel Aufhebens
entfärbten mein Haar wie das Laub

Jahreszeitenlos

Sturm braust über karges Land
nichts Gutes kommt durch meine Hand
zerrissen ist das dünne Band
gib es zurück das kleine Pfand
rüttelt der Wind an den Fensterladen
will in Traurigkeit ich baden
wird dunkles Brackwasser mich tragen
werde ich das Tauchen wagen
die Steine sind grün von Algen
die Schaukel im Garten mein Galgen
das Vogelhaus eine verlassene Ruine
kein Vogel sich darin bediene
nur Gift und welke Blätter
das ist mein Seelenwetter

Portrait eines Herzens

Totgesagt von starken Schüben
zum Weiterschlagen angetrieben
übersäht mit Narben der Infarkte
der Untergang es vorwärts jagte
ein Eigenleben hinter Rippen
Tag für Tag umschiffte es Klippen
mit einer Scherbe Licht gebündelt
und mit der Liebe Funke gezündelt
erstrahlte es flammend lichterloh
Glut und Asche schmerzten so
suchend ging mein Blick herum
niemand sah sich nach mir um
so brannte völlig unbemerkt
mein Brustkorb aus
der Schaden verjährt

Die Meerjungfrau

Das ganze Meer mich niederzudrücken
dass ich nicht auftauchen kann
der Gesang der Wale soll mich berücken
und retten soll mich kein Mann
Pflanzen umschlingt meine Beine
versenkt mich in unermessliche Tiefe
lasst mit den Fischen mich alleine
wenn ich für immer doch schliefe
die Luft entweicht meinem Mund
welch ein armseliges Gestotter
liege bei den Quallen auf Grund
Fischer steuere weiter den Kutter
unauffindbar bin ich draußen
sitze bei Sturm auf dem großen Stein
froh bin ich nur von außen
locke auch Dich ins Unglück hinein

Spaziergang

Schwarz getuschte Bäume im Abendlicht
des Mondes Scheibe zeigt ihr Gesicht
sanft spreche ich in die kalte Luft
mein Atem mischt sich mit Wiesenduft
bleich und auf dem Januarweg
das Alte wie ein Tuch um mich leg
bin ich die Traurigste die Du je sahst
sprich mit mir wenn Du magst
wenn ich auch nichts Schönes sag
schenke mir einen weiteren Tag

Vom Zukünftigen

Es ist der Wechsel von einem beliebigen Jahr
sparsam bin ich gewesen - wie ich es immer war
ging die Straße entlang und sah zum Himmel herauf
Kraniche in Pfeilformation zogen auf
spannten einen Bogen wie in dem Gedicht von Brecht
und wie sie da flogen schien mir mein Leben ganz echt
wollte ich gern öfter Momente wie diesen spüren
in einer Kristallkugel erspähte Bilder berühren
wie beim Bleigießen Figuren deuten
einen Blick auf die Zukunft erbeuten
im Kalender machen sich schon Termine breit
doch das Zukünftige liegt in der Dunkelheit

Herzschlagtinnitus

Höre es beständig pochen
an meines Stübchens Tür
spüre es in den Knochen
Du wolltest wieder zu mir
Eisblumen wuchern und trüben den Blick
wie Farn überwächst den Weg zurück
schiebst Gedanken hindurch unter der Tür
geschrieben auf blütenweißem Papier
den Schlüssel verlangst Du flüsternd
mein Atmen klingt so lüsternd
höre es immer klopfen
an hohem Stübchens Tür
werde niemandem öffnen
bitte gehe weg von hier

Philatelist

Mit feiner Pinzette durch Miniaturen
Blumen Gesichter und Tierfiguren
durch ferner Länder Karten
und ihre Eigenarten
die eigene Ordnung verändern
an behutsam gezackten Rändern
ihr Wert steigt unermesslich
mit jedem Tag mehr vergesslich

Daran gibt es nichts zu rütteln

Ich rüttle nicht mehr daran
das man nichts ändern kann
die Dinge sind wie sie sind
bin nicht mehr wie blind
es wird nicht einfach
sondern einfach schwer
die Fragen kompliziert
niemand hilft mir mehr
dabei ist es das Leben
das mir widerfährt
es muss doch wen geben
ein Rat ist viel wert

Selbstmitleid

Besser noch schreiben
kann ich als sprechen
besser mit den Augen lächeln
schlagfertige Antworten geben
statt küssen
und nicht recht haben müssen
besser wenn ich falsch liege
als meinen Willen kriege
am besten noch bin ich allein
an einem Platz wo ich wein
eine Stille die so laut schallt
dass es in den Ohren hallt
ihr Tränen aus den Augen fallt
leise auf die Platte knallt
zu Pfützen zerfließt
der Finger zerreibt
schnell abgelenkt von der Traurigkeit

Blattgold

In lichtes Gold getaucht die Blätter
ganz gleich ob Sturm ob mildes Wetter
der Drache sich in die Lüfte hebt
und junger Baum im Winde bebt
es zieht mich in die Felder
so bunt gefärbt die Wälder
als erlebte ich ein erstes Mal
Oktoberlichtes Schmeichelstrahl
der Herbst leuchtet in Gold gekleidet
selbst silberner Winter ihn beneidet

Elisa

Ich fühle das wir verzaubert sind
auch ich die Nesselhemden webt
schuldlos ein stummes Dasein lebt
und auf dem Friedhof Nesseln findt

Meine Brüder die Schwäne sind fort
flogen auch mich zu den Wolken
als mir der Mutter Fluch gegolten
suchten wir Schutz an anderem Ort

Meine Unschuld muss ich beweisen
den Fluch über die Brüder brechen
vom Feuertod soll ich nicht sprechen
die Schwäne hoch oben noch kreisen

Die Nesselhemden werfe ich über sie
meine Brüder die Prinzen kehren zurück
der jüngste Bruder erzählt von dem Glück
des Königs Versprechen breche ich nie

Frühlings' Erinnerungen

Wo ich gewesen bin, kann wieder etwas sein
wo ich bin, hinter des Winters Sonnenschein
ich weckte Sehnsucht in kaltstarren Herzen
nach Blühen, Vergehen, Leben und Schmerzen
und wenn die Schwalben am Himmel ziehen
werde ich mit den Stürmen entfliehen
Früchte werden die Blüten verdrängen
am grünen Zweig werden Kirschen hängen
nur noch die Bienen erzählen von mir
doch jede Wolke erzählt mir von dir

Auf der Eisenbahnbrücke

Libellen schimmern im Schatten
dunkler Farn raschelt im Wind
am Fluss bin ich wieder Kind
wo wir Boote gebaut hatten

Zweige wölben grün eine Laube
Mücken flirren in stehender Luft
ich fühle mich wie in kühler Gruft
der Einsamkeit nützt kein Glaube

Auf den Planken der alten Brücke
saßen wir und du küsstest mich
gingst du fort und verlor ich dich
empfinde ich Leere und Lücke

Welten entfernt

Vorüber laufen Passanten
und ich betrachte das Leben
Trauer und Reue Trabanten
des Tags gibt es kleine Beben
an der Luftlinie anderem Ende
an Regenbogens Beginn
wie weit reichen meine Hände
wie komme ich näher hin
Sternbilder launisch ändern
den vorbestimmten Sinn
und ich werde immer schlendern
mit der Zeit gehen bis dahin

Reise schlafend durch die Zeit
in lichtdurchfluteter Dunkelheit
bewege mich in dein Gebiet
hoffe das niemand mich sieht
durch's Unterholz schleiche ich
auf Baumäste setze ich mich
beobachte dich aus der Ferne
aus deinem Handeln ich lerne
ein Wort von dir wäre mein Wille
wie Nebel lähmt mich die Stille
das Lächeln der Liebe dir lasse
verdamm' mich zu ihrer Grimasse

Religion

Wie Kerzen aneinander angezündet
so sei unser Kuss
so sicher der Fluss ins Meer mündet
wie ich um dich fließen muss
wenn der Himmel von Unheil kündet
ruhe ich an altem Baum
an ihm sich einst der Blitz versündet
falle in dunklen Traum
findest du mich in der Wurzeln Arme
leitest du mich zur Helligkeit
der Himmel sich erbarme
uns sicher bringe zur Ewigkeit

Erwachsen

Um einen Docht bin ich gewachsen
eine Kerze bin ich die man zieht
es hat Verwerfungen gegeben
die man zeitlebens sieht
in Wechselbädern bin ich erzogen
Schicksal hat mich nicht betrogen
wachse in dünnen Schichten
mit jeder Schicht mehr Pflichten
dichte mir die Gutenachtgeschichten
und wenn mein Licht ist ausgehaucht
auch die Geschichten sind verraucht

Scharfkantige Träume sezieren den Schlaf
Spiegelscherben die ich nicht berühren darf
Sommernacht wird nicht dunkel
bleibt ohne der Sterne Gefunkel
Schatten legen sich auf die Augen
Schlaf wird mich auslaugen
über die Zäune der Nacht
hat mich das Bewusstsein gebracht
hinter das Haus meiner Kindheit
zu dem Garten lange vor der Zeit
in dem ich winzige Vögel begrub
und wertlose Schätze hob
als Totengräberin meiner Träume
bald das Erwachen versäume

Ankunft des Herbst

Misteln sitzen in den Bäumen
Regen trägt Samen zum Träumen
Äste kratzen am Himmelsblei
Sommers Fülle zieht vorbei
auf Waldboden stürzen Tropfen
höre sie leise klopfen
Pilze tragen bunte Kappen
kann sie beim Wachsen ertappen
bunte Farben in Lebens Einerlei
es ist kühl und ich atme frei
auf schwerem Boden neu geeicht
fühle ich mich so leicht
Kinderlieder und Reigen
wie warme Atemwolken steigen

Erika

Ich laufe wie ein Kind über Hügel
im Wind breite ich meine Flügel
Sand schmiegt sich an meine Schuhe
durch Himmels Sanduhr fließt Ruhe
blühende Heide wogt wie ein lilanes Meer
Farben und Pracht bewundere ich sehr
verschlungene Wege durch Bäume
bald die Rückkehr versäume

Weinbergschnecke

Als eine Schnecke verschließe ich mich
die Kälte des Regens erwarte ich
mich verhärte in gleißender Sonne
ein kühler Platz ist mir eine Wonne
weiß das richtige Wetter zu schätzen
mich mit nichts auseinander zu setzen
trage auf dem Rücken mein Haus
ziehe bloß weiter und niemals aus
horche ängstlich auf schwere Tritte
bitte achte auf deine Schritte

Weichgezeichnet

Wie ein Kind zeichne ich
Lippen und Mädchenaugen
zeichne ein Frauengesicht
wie ich sein möchte
entwerfe mich
ich werde etwas zerbrochen
etwas unbrauchbar zwar
doch es gibt mich
ich bin da

Vergleich mit Sternkarten

Übers Feld im Abendlicht
stellte ich dich mir vor
sah dich ja im Dunkeln nicht
und wie das Säuseln einer Muschel
klang die Welt an meinem Ohr

Übern Weg im fahlen Licht
träumte ich du berührtest mich
spürte dich so taub ja nicht
und wie die Feder der Nachtigall
streifte mich ein Stern im Fall

Der Stern dort oben fehlte
wie ich fehlte der Welt
so ging ich meiner Wege
der Stern ins Himmelszelt

Marionette

Regen zieht auf
zeigt sich als Schmerz
ich starte zum Lauf
mir flimmert das Herz
ich gehe meiner Wege
eine Puppe aus Holz
Scharniere knacken
von morschem Stolz
wie Pinocchio
von allen betrogen
das Leben hat zwischen
den Zeilen gelogen
bin Marionette mit
gekappten Fäden
tanze immer
zu neuen Schäden

Allein

Aus freien Stücken
setze ich mich zusammen
verbinde mir die Schrammen
lasse die Narben zwicken

Du hast mich zerrissen
und dabei jeden Teil berührt
hat dich Verletzlichkeit verführt
das will ich gerne wissen

Der Kopf fühlt sich so taub
schalte die Gedanken aus
weine die Traurigkeit heraus
ein wenig Schlaf mir raub